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Der Kammerchor der Pfarrgemeinde Nord

Ein altes Werk neu hören

Bachs Johannespassion in ungewohnter Fassung in Freiburg.

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Die Johannespassion Johann Sebastian Bachs gibt es eigentlich nicht. Stattdessen gibt es mehrere Fassungen, die Bach zu verschiedenen Zeitpunkten erstellte und aufführte, die zwar vieles, aber eben nicht alles gemein haben. Fast ironisch, dass die bekannteste Form des Werkes mit keiner der Bach’schen identisch ist, sondern von Musikwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts erstellt wurde. Wenn jetzt in der Freiburger Ludwigskirche die zweite Version der Johannespassion erklang – Bach ließ sie 1725 in Leipzig zu Gehör bringen –, konnte man im Wortsinn ein altes Werk neu hören: auch ohne musikwissenschaftliche Kenntnisse ein Vergnügen.


Typisch für die Interpretation des Herdermer Vokalensembles samt Consort und Solisten unter der Leitung von Christian Drengk: Historisch informiert zielt man klangliche Transparenz und rhetorische Ausdrucksstärke an, ohne sich aber einem allzu leichtgewichtigen, leichtgängigen Ideal zu verschreiben.


Vor allem die Choräle sind dunkel und volltönend, im Duktus oft auffällig getragen. Zwar kann es der Chor auch zackig und akzentuiert, wie etwa die wuchtig drängenden "Kreuzige, kreuzige"-Rufe belegen. Aber auch in diesen Partien werden Dissonanzen und Chromatik kraftvoll betont, so dass ein expressiver, dabei fast schwerblütiger Charakter entsteht, der der Tiefe von Bachs Klangsprache sehr angemessen ist.
Dass Letzterer Bissigkeit und eine fast opernhafte Anschaulichkeit mitunter nicht fehlen, unterstreichen die Instrumentalisten: locker aufschießende Streicherläufe in der Tenorarie "Zerschmettert mich", ein scharf akzentuierender Basso continuo in Chor und Arie "Himmel reiße" (zweien der Stücke, die diese Version kennzeichnen).

Dass das Cembalo stark heraussticht, ist in diesem Fall angemessen, sonst und vor allem am Anfang verstärkt es den Eindruck leichter Probleme mit der Klangbalance. Zuweilen scheint auch die Koordinierung der Ausführenden untereinander nicht ganz sicher. Ein Stück wie die "Zerfließe"-Arie lässt aber solche Einwände vergessen: Stringent gestaltet, dabei sanft und tief trauernd erklingt das Stück.


Dorothea Jakobs klar leuchtender, hier innig zurückgenommener Sopran verschmilzt mit den Instrumentalparts zu einem dichten, bezwingenden Stimmungsbild. Die übrigen Solisten agieren auf Augenhöhe. Marcus Ullmann (Tenor) liefert einen solide und kultiviert gesungenen Evangelisten, wenngleich manche Spitzentöne entgleiten; übrigens muten auch die Rezitative hier weniger dramatisch bewegt als sanglich-getragen an. Mit charaktervollem, hellem Alt agiert die Altistin Franziska Markowitsch zuverlässig, ebenso überzeugt der Bass-Bariton Florian Dengler mit den Jesus-Worten. Leonhard Geigers kräftig-viriler Bariton bewährt sich bei zahlreichen Gelegenheiten.

BZ vom 28.03.2017